12.12.2025, 09:12
Guten Morgen,
ich bin seit gut sechs Jahren Anwalt in einer FWW Kanzlei (BL: Nds.). Strafrecht machen wir wenig. Ich habe Strafrecht aber schon immer gemocht bzw. fand die Fälle und die Menschen dahinter spannend. Überlege daher einen Wechsel in die Justiz, genauer: zur StA. Wie siehts da momentan aus, bundeslandunabhhängig, von der Arbeitszeit? Und wie ist die Tätigkeit? Stumpfes abarbeiten ohne wirklich über die Fälle nachzudenken?
ich bin seit gut sechs Jahren Anwalt in einer FWW Kanzlei (BL: Nds.). Strafrecht machen wir wenig. Ich habe Strafrecht aber schon immer gemocht bzw. fand die Fälle und die Menschen dahinter spannend. Überlege daher einen Wechsel in die Justiz, genauer: zur StA. Wie siehts da momentan aus, bundeslandunabhhängig, von der Arbeitszeit? Und wie ist die Tätigkeit? Stumpfes abarbeiten ohne wirklich über die Fälle nachzudenken?
13.12.2025, 00:09
Ich bin Proberichter bei einer StA - wo genau möchte ich nicht ausführen. Dass betreffend Arbeitszeiten etc. große Unterschiede zwischen den BL bestehen, kann ich mir aber auch nicht vorstellen. Es dürfte noch nicht einmal auf die einzelne Behörde ankommen, sondern das konkrete Dezernat und deine eigene Einstellung, und daneben in gewissem Maße auf die Abteilung bzw. den Abteilungsleiter. Bei den Abteilungen gilt als Faustregel: Je mehr Masse und/oder Haftsachen, desto stressiger. Man kann letztlich Glück haben, oder extremes Pech und vorher weiß man es einfach nicht. Persönlich wurde ich auf ein völlig abgesoffenes Allgemein-Dezernat gesetzt, das zuvor lange von Kollegen neben ihrer eigentlichen Arbeit vertreten wurde. Von diesem Schreckgespenst des "abgesoffenen" Dezernats hatte ich immer selbst gelesen und es für übertrieben gehalten, aber was das konkret heißt, versteht man wohl erst dann wirklich, wenn man es am eigenen Leib erlebt. Ich stoppe meine Zeiten nicht, aber mit einer 40-Stunden Woche komme ich definitiv nicht annähernd hin und trotzdem ist es eigentlich noch zu wenig. Der Mehrzahl der Assessoren hier geht es ähnlich, ich kenne aber auch Kollegen, die ein top aufgeräumtes Dezernat geerbt haben und eher ungläubig über die Stapel staunen, die bei anderen jeden Tag auflaufen.
Zum Thema "Stumpfes Abarbeiten ohne wirklich über die Fälle nachzudenken?" kann man eigentlich nur sagen: Leider nein ;-)
Im Ernst, man komm sehr schnell an den Punkt, dass man für jedes Verfahren, das sich stumpf abarbeiten lässt, dankbar ist. Von den harten Nüssen, die einen viel zu viel Zeit und Energie kosten, und dennoch nur als eine Erledigung für die Statistik zählen, gibt es mehr als genug.
Wenn du "Strafrecht aber schon immer gemocht" und "die Fälle und die Menschen dahinter spannend" fandest, klingt das grds. schon so als könnte die Tätigkeit etwas für dich sein. Denn interessant ist es schon. Jeden Tag bekommt man irgendwelche irren Geschichten mit und hat einfach ganz andere Einblicke als der Durchschnittsbürger. Das ist spannend, aber auch erschreckend. Ich habe eigentlich viel Spaß an schwarzem Humor und fand deswegen auch immer die Fälle im Strafrecht witzig, komme damit jedoch inzwischen an Grenzen und gehe durch die Arbeit echt mit anderen Augen durch die Welt. Durch das Lachen und Schäkern mit Kollegen mag man Druck vom Tank nehmen, doch danach muss man trotzdem irgendwie damit leben, wie abgefuckt die Welt ist.
Die Chance, dass ich mich auf Lebenszeit ernennen lasse, würde ich derzeit mit 50/50 ansetzen.
Zum Thema "Stumpfes Abarbeiten ohne wirklich über die Fälle nachzudenken?" kann man eigentlich nur sagen: Leider nein ;-)
Im Ernst, man komm sehr schnell an den Punkt, dass man für jedes Verfahren, das sich stumpf abarbeiten lässt, dankbar ist. Von den harten Nüssen, die einen viel zu viel Zeit und Energie kosten, und dennoch nur als eine Erledigung für die Statistik zählen, gibt es mehr als genug.
Wenn du "Strafrecht aber schon immer gemocht" und "die Fälle und die Menschen dahinter spannend" fandest, klingt das grds. schon so als könnte die Tätigkeit etwas für dich sein. Denn interessant ist es schon. Jeden Tag bekommt man irgendwelche irren Geschichten mit und hat einfach ganz andere Einblicke als der Durchschnittsbürger. Das ist spannend, aber auch erschreckend. Ich habe eigentlich viel Spaß an schwarzem Humor und fand deswegen auch immer die Fälle im Strafrecht witzig, komme damit jedoch inzwischen an Grenzen und gehe durch die Arbeit echt mit anderen Augen durch die Welt. Durch das Lachen und Schäkern mit Kollegen mag man Druck vom Tank nehmen, doch danach muss man trotzdem irgendwie damit leben, wie abgefuckt die Welt ist.
Die Chance, dass ich mich auf Lebenszeit ernennen lasse, würde ich derzeit mit 50/50 ansetzen.
13.12.2025, 13:21
Danke für den Erfahrungsbericht, der sicher vielen hier hilft. Ich frage mich dabei: wieso gibt man sich sowas freiwillig?
13.12.2025, 14:20
(13.12.2025, 13:21)Neluil schrieb: Danke für den Erfahrungsbericht, der sicher vielen hier hilft. Ich frage mich dabei: wieso gibt man sich sowas freiwillig?
Nach meiner Erfahrung: Ja, es ist absolut abhängig davon, welches Dezernat man erwischt. Anfangs arbeitet man darüber hinaus natürlich auch langsamer. Aber: Auch ein abgesoffenes Dezernat kann man (zumindest langsam) aufräumen, man wird schneller und sicherer. Hier kommen die meisten (nach einiger Zeit) sehr gut mit 40 Stunden oder weniger hin.
13.12.2025, 14:38
(13.12.2025, 00:09)Burchard von Worms schrieb: Ich bin Proberichter bei einer StA - wo genau möchte ich nicht ausführen. Dass betreffend Arbeitszeiten etc. große Unterschiede zwischen den BL bestehen, kann ich mir aber auch nicht vorstellen. Es dürfte noch nicht einmal auf die einzelne Behörde ankommen, sondern das konkrete Dezernat und deine eigene Einstellung, und daneben in gewissem Maße auf die Abteilung bzw. den Abteilungsleiter. Bei den Abteilungen gilt als Faustregel: Je mehr Masse und/oder Haftsachen, desto stressiger. Man kann letztlich Glück haben, oder extremes Pech und vorher weiß man es einfach nicht. Persönlich wurde ich auf ein völlig abgesoffenes Allgemein-Dezernat gesetzt, das zuvor lange von Kollegen neben ihrer eigentlichen Arbeit vertreten wurde. Von diesem Schreckgespenst des "abgesoffenen" Dezernats hatte ich immer selbst gelesen und es für übertrieben gehalten, aber was das konkret heißt, versteht man wohl erst dann wirklich, wenn man es am eigenen Leib erlebt. Ich stoppe meine Zeiten nicht, aber mit einer 40-Stunden Woche komme ich definitiv nicht annähernd hin und trotzdem ist es eigentlich noch zu wenig. Der Mehrzahl der Assessoren hier geht es ähnlich, ich kenne aber auch Kollegen, die ein top aufgeräumtes Dezernat geerbt haben und eher ungläubig über die Stapel staunen, die bei anderen jeden Tag auflaufen.
Zum Thema "Stumpfes Abarbeiten ohne wirklich über die Fälle nachzudenken?" kann man eigentlich nur sagen: Leider nein ;-)
Im Ernst, man komm sehr schnell an den Punkt, dass man für jedes Verfahren, das sich stumpf abarbeiten lässt, dankbar ist. Von den harten Nüssen, die einen viel zu viel Zeit und Energie kosten, und dennoch nur als eine Erledigung für die Statistik zählen, gibt es mehr als genug.
Wenn du "Strafrecht aber schon immer gemocht" und "die Fälle und die Menschen dahinter spannend" fandest, klingt das grds. schon so als könnte die Tätigkeit etwas für dich sein. Denn interessant ist es schon. Jeden Tag bekommt man irgendwelche irren Geschichten mit und hat einfach ganz andere Einblicke als der Durchschnittsbürger. Das ist spannend, aber auch erschreckend. Ich habe eigentlich viel Spaß an schwarzem Humor und fand deswegen auch immer die Fälle im Strafrecht witzig, komme damit jedoch inzwischen an Grenzen und gehe durch die Arbeit echt mit anderen Augen durch die Welt. Durch das Lachen und Schäkern mit Kollegen mag man Druck vom Tank nehmen, doch danach muss man trotzdem irgendwie damit leben, wie abgefuckt die Welt ist.
Die Chance, dass ich mich auf Lebenszeit ernennen lasse, würde ich derzeit mit 50/50 ansetzen.
Das war für mich immer ein Grund, warum ich gerne Staatsanwalt war: nirgendwo sonst hat man solche Einblicke in das pralle Leben. Wer daran Freunde und auch etwas Spaß haben kann, hat einen großen Vorteil.
Was ich auch immer sehr schön fand, war der Teamgeist in der Abteilung, wo man sich gegenseitig helfen und auch mal entlasten konnte - bei Gericht geht das natürlich nicht.
Und ein enormes Plus ist die wahnsinnige Gestaltungsmacht: ermitteln, (teil-)einstellen, Strafbefehl, Anklage: Du bestimmst ganz viel, wie das Verfahren laufen wird.
Was die Arbeitsbelastung angeht, ist es wahnsinnig unterschiedlich. Ich kenne Behörden, in denen Freitagmittag nicht mehr viel gearbeitet wird. Das hat mit allerhand Variablen zu tun: Personalausstattung, Vorgesetzte, vor allem die eigene Arbeitsweise - und natürlich auch damit, wer vorher auf dem Dezernat war. Selbst wenn es nicht abgesoffen ist, können da manche Überraschungen lauern, wenn beispielsweise jemand aus Statistikgründen nur noch die kleinen einfachen Sachen erledigt und die großen versteckt hat... Aber das geht vorbei, und irgendwann hat man es im Griff.
Auch die enge Zusammenarbeit mit der Polizei fand ich immer sehr schön. Wenn man sich da etwas engagiert und interessiert, bekommt man viel zurück.
13.12.2025, 15:54
(13.12.2025, 13:21)Neluil schrieb: Danke für den Erfahrungsbericht, der sicher vielen hier hilft. Ich frage mich dabei: wieso gibt man sich sowas freiwillig?
Es gibt eben auch sehr positive Aspekte, die in meinem Post etwas zu kurz gekommen sind, aber Praktiker hat diesbezüglich recht treffend eingehakt. Mich hatten die Einblicke im Ref neugierig gemacht und insofern bin ich auch wirklich nicht enttäuscht worden, es ist sogar noch deutlich interessanter als ich es mir vorgestellt hatte. Hinzu kommt das Gefühl, etwas wirklich sinnvolles zu machen und darin auch gut zu sein (so jedenfalls das Feedback von oben). Ich habe auch eine Weile in einer GK gearbeitet und dabei z.B. festgestellt, dass es mir egaler nicht sein könnte, ob und wie Gesellschaft X Gesellschaft Y kauft, damit verschmolzen wird oder was auch immer, völlig gleichgültig, welche Unsummen dafür fließen. Hier ist es mir nicht egal, wie es mit meinen Verfahren weitergeht. Gerade das, was ich einerseits als belastend empfinde, motiviert mich andererseits dazu, in dem begrenzten Rahmen meines Einflusses, wenigstens ein bisschen etwas in eine positive Richtung zu bewegen.


