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Schrottmandate
Brunette.Godess
Member
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Beiträge: 51
Themen: 3
Registriert seit: Jun 2021
#1
21.08.2026, 21:30
Hallo!

Ich bin nur relativ lang angestellte Rechtsanwältin in einer kleinen Einheit. Es gibt nur den Chef und mich. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass wir eine Klitsche sind. Er hat sich in seinem Spezialgebiet einen sehr guten Ruf aufgebaut. Ich bearbeite viel allgemeines Zivilrecht etc. 

Wie dem auch sei, verwundert es mich phasenweise so sehr, wie unsere Mandanten „drauf“ sind. Sie nörgeln, sind fordernd und unfreundlich. Rechnungen werden oft - wenn überhaupt - total spät gezahlt. Heute war es wieder so, dass ein Mandant, dessen Termin am 1.9 stattfindet nach der Vorschussrechnung das Mandat gekündigt hat. Nun ja, hierüber kann ich mich zu der Verwunderung auch freuen, da ich ansonsten höchstwahrscheinlich umsonst hingefahren wäre, da nachterminlich eine Zahlung noch unwahrscheinlicher ist. 

So nun mein Anliegen und Frage an euch, ist eure Wahrnehmung ähnlich? Das betrifft jetzt insbesondere Rechtsanwälte aus kleinen Einheiten, die weit überwiegend mit Privatpersonen zu tun haben. Ich arbeite so viel und stecke so viel Liebe und Kraft in meine Bearbeitung. Ich fühle mich aufgrund solchen Verhaltens irgendwie armselig oder wertlos. Das hört sich eventuell etwas eigenartig an, möglicherweise versteht mich jemand. Ich selbst habe kein Vergleich, da ich zuvor in einem Unternehmen tätig war.

Ich freue mich sehr über Eindrücke und Feedback.

Liebe Grüße


Sorry für die typos. Wurde von meinem hängenden IPhone verfasst
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 21.08.2026, 21:31 von Brunette.Godess.)
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Egal_
Posting Freak
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Beiträge: 1.556
Themen: 1
Registriert seit: Feb 2022
#2
21.08.2026, 22:08
Ich habe es andersrum gemacht :-D
Erst kleine Kanzlei, dann mittelständische WPG, jetzt DAX-Konzern. Ja, je nachdem hat man unterschiedliche Mandanten/Fachabteilungen auf der anderen Seite sitzen. Die Privatmandanten habe ich auch als am schwierigsten empfunden, ich hatte aber auch mal ein Bewerbungsgespräch, bei dem der Kanzleihaber andere Erfahrungen gemacht hatte und Privatmandanten den Unternehmen vorzog.

Unhöfliche Mandanten hatte ich in der KK ein paar aber nicht die Masse. Nerviger fand ich das ewige Hinterherlaufen wenn man weitere Informationen brauchte und demgegenüber die sehr hohen Ansprüche und Wünsche an Qualität, Schnelligkeit, Erreichbarkeit bei möglichst geringer Bezahlung. Mir persönlich waren die Mandate auch zu emotional, was zwar verständlich ist, für mich aber anstrengend (ich bin kein guter Seelenklempner).
Also ja, Privatmandanten können speziell sein und mit ihnen zu arbeiten ist nicht für jeden etwas. Es muss aber auch nicht alles schlecht sein. Eventuell habt ihr gerade Pech gehabt und vermehrt eine höhere Anzahl an komischen Mandanten angezogen. Wir hatten das in der KK auch eine zeitlang, als sich viele Querulanten von dem (leider sehr linksextremen) Auftreten meines damaligen Chefs angezogen fühlten.

Warum bist du denn vom Unternehmen in die KK gewechselt? Hat das einen speziellen Grund?
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 21.08.2026, 22:16 von Egal_.)
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Äfes
Senior Member
****
Beiträge: 384
Themen: 3
Registriert seit: Jul 2022
#3
21.08.2026, 23:06
Ihr habt die Vorschussrechnung vor dem Erstgespräch verschickt? Oder ging es um einen Gerichtstermin?

Also ich habe 99% Privatpersonen als Mandanten, die sind aber zum Großteil angenehm und bedanken sich auch oft für die Arbeit. Und ich bin ehrlicherweise auch erstaunt (positiv) über die Zahlungsmoral. Das kann natürlich am Erbrecht liegen, da bekommen die Mandanten eben auch fast immer Geld. Oder am Stundensatz, darüber filtert man vielleicht auch schon die Zahlungsunwilligen raus, weil die dann direkt woanders hingehen. Und ich sage den Mandanten recht klar, was sie von mir erwarten können und was nicht, denke das hilft auch.

Also ich kann Deine Erfahrungen tatsächlich nicht bestätigen.
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Negatives Tatbestandsmerkmal
Member
***
Beiträge: 98
Themen: 1
Registriert seit: Aug 2024
#4
22.08.2026, 10:13
Meine Erfahrung ist ähnlich wie beim Kollegen Äfes.

95% der Leute sind froh und dankbar, dass man Ihnen hilft. Und wenn man dann auch noch bereit ist, den ein oder anderen Meter mehr zu gehen als nötig, dann ist es auch nicht wirklich schwer, sich einen guten Ruf aufzubauen. Denn was wir teilweise von Mandanten hören, über Ihre Erfahrungen mit anderen Anwälten. Zuletzt hatten wir einen jungen Mann in der Kanzlei, der sich auf Flucht befindet/befand. Der hatte zunächst einen anderen Kollegen angeheuert, diesem 1.000 EUR Anzahlung geleistet und seitdem nichts mehr von ihm gehört, wird von ihm abgewimmelt und eine Mandatsbearbeitung findet nicht statt.

Es werden gefühlt immer weniger Anwälte "vor Ort" für den einfachen Bürger. Und die meisten Menschen sind froh, wenn sie doch jemanden finden, der Ihnen rechtlich hilft, auch wenn es nicht um mindestens 10.000 EUR Streitwert geht. Und dafür sind die Menschen dann auch bereit zu zahlen. Und wenn es sich um eine unwirtschaftliche Tätigkeit handelt, sind die meisten auch bereit sich auf eine Vergütungsvereinbarung einzulassen. Das mache ich z.B. in der Regel bei Mieterhöhungsverlangen/Streitigkeiten.
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Jurjoe
Junior Member
**
Beiträge: 30
Themen: 5
Registriert seit: Jan 2023
#5
22.08.2026, 16:06
(22.08.2026, 10:13)Negatives Tatbestandsmerkmal schrieb:  Meine Erfahrung ist ähnlich wie beim Kollegen Äfes.

95% der Leute sind froh und dankbar, dass man Ihnen hilft. Und wenn man dann auch noch bereit ist, den ein oder anderen Meter mehr zu gehen als nötig, dann ist es auch nicht wirklich schwer, sich einen guten Ruf aufzubauen. Denn was wir teilweise von Mandanten hören, über Ihre Erfahrungen mit anderen Anwälten. Zuletzt hatten wir einen jungen Mann in der Kanzlei, der sich auf Flucht befindet/befand. Der hatte zunächst einen anderen Kollegen angeheuert, diesem 1.000 EUR Anzahlung geleistet und seitdem nichts mehr von ihm gehört, wird von ihm abgewimmelt und eine Mandatsbearbeitung findet nicht statt.

Es werden gefühlt immer weniger Anwälte "vor Ort" für den einfachen Bürger. Und die meisten Menschen sind froh, wenn sie doch jemanden finden, der Ihnen rechtlich hilft, auch wenn es nicht um mindestens 10.000 EUR Streitwert geht. Und dafür sind die Menschen dann auch bereit zu zahlen. Und wenn es sich um eine unwirtschaftliche Tätigkeit handelt, sind die meisten auch bereit sich auf eine Vergütungsvereinbarung einzulassen. Das mache ich z.B. in der Regel bei Mieterhöhungsverlangen/Streitigkeiten.

Hast du hier nicht dann oft das Problem, dass die rechtsschutzversicherten Mandanten dann abspringen? 

Das ist bei mir im Mietrecht regelmäßig der Fall, sobald ich mitteile dass die Rechtsschutz nur einen Teilbetrag übernehmen würde.

Zum TE: Grundsätzlich habe ich bei Privatmandanten nicht generell den Eindruck, dass diese undankbar o.ä. sind.
Aber auch ich merke, dass die Mandanten mit den niedrigsten Streitwerten und RSV tendenziell höhere Ansprüche haben und schwieriger im Umgang sind als die Selbstzahler, die ohne Nachfragen die Vergütungsvereinbarung unterzeichnen. Bei ersteren kommen teilweise tägliche Sachstandsanfragen, während Nachfragen Tage- oder Wochenlang unbeantwortet bleiben während letztere z.B angeforderte Unterlagen kurzfristig in geordneter Form übersenden und auch die Rechnungen meist umgehend bezahlen.
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Brunette.Godess
Member
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Beiträge: 51
Themen: 3
Registriert seit: Jun 2021
#6
23.08.2026, 20:37
Vielen Dank an alle, die sich an der Frage beteiligt haben. Um die erste Rückfrage zu beantworten: ich bin aus dem Unternehmen gegangen, weil ich Gerichtstermine wahrnehmen wollte und mich eher als Rechtsanwältin an der „Front“ gesehen hab. Mir machen Verfahren sehr viel Spaß und ich Wabe mich gern durch Akten, Gesetze und Rechtsprechung. Ich mag es total zu verhandeln. Mich erfüllt inhaltlich und grundsätzlich der Job als trial lawyer. Stress ist für mich ein Fremdwort, da ich trotz Kind gute 10 Stunden  Tag arbeiten kann. Mir fällt es nicht schwer, viel von mir zu geben. Umso ernüchternder fühlt es sich dann an, wenn dieser besondere Einsatz weder persönlich noch monetär geschätzt wird. Das tendenziell eher Negative Feedback, obgleich oft total ungerechtfertigt, geht mir zunehmend an die Nieren. Die schlimmsten Mandanten sind ohne die Verkehrsrechtsachen.
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Motali
Junior Member
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Beiträge: 31
Themen: 1
Registriert seit: Jul 2024
#7
24.08.2026, 11:20
Aus einem völlig anderen Umfeld (größere Einheit) kann ich deinen Eindruck schon bestätigen, wenn es bei uns um Privatmandate geht. Das ist sicher Jammern auf hohem Niveau, aber ich merke schon, dass das für mich häufig deutlich mehr Kopfschmerzen verursacht, als wenn man Unternehmen oder Behörden vertritt. Gar nicht so sehr in die Richtung, dass wir richtige Querulanten haben oder alle ständig undankbar sind (teilweise sogar ganz im Gegenteil). Vor allem ist es häufig das leidige Kostenthema, wo man sich schon fragt, was die sich vorher vorgestellt haben, wenn es heißt, dass minutengenau abgerechnet wird (wenngleich man sicher selbstkritisch zugeben kann, dass das Geschäftsmodell MK / GK vielen im Vorfeld halt kein Begriff ist und man auch beim Thema Abrechnen eher den Einzelanwalt vor Augen hat und dann verwundert ist, dass in der Abrechnung plötzlich ein ganzes Team auftaucht). Dann spielt natürlich sehr mit rein, dass diese Mandate naturgemäß emotionaler aufgeladen sind, als wenn man den Ministerialbeamten M im Call sitzen hat. Das mögen manche präferieren bzw. als Essenz des Anwaltsberufs und Interessenvertretung verstehen, ich finde es aber oft anstrengend, weil Privatmandanten nicht selten der nüchterne objektive Blick auf die Strategie eines Mandats abgeht.
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Egal_
Posting Freak
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Beiträge: 1.556
Themen: 1
Registriert seit: Feb 2022
#8
24.08.2026, 12:54
(24.08.2026, 11:20)Motali schrieb:  Aus einem völlig anderen Umfeld (größere Einheit) kann ich deinen Eindruck schon bestätigen, wenn es bei uns um Privatmandate geht. Das ist sicher Jammern auf hohem Niveau, aber ich merke schon, dass das für mich häufig deutlich mehr Kopfschmerzen verursacht, als wenn man Unternehmen oder Behörden vertritt. Gar nicht so sehr in die Richtung, dass wir richtige Querulanten haben oder alle ständig undankbar sind (teilweise sogar ganz im Gegenteil). Vor allem ist es häufig das leidige Kostenthema, wo man sich schon fragt, was die sich vorher vorgestellt haben, wenn es heißt, dass minutengenau abgerechnet wird (wenngleich man sicher selbstkritisch zugeben kann, dass das Geschäftsmodell MK / GK vielen im Vorfeld halt kein Begriff ist und man auch beim Thema Abrechnen eher den Einzelanwalt vor Augen hat und dann verwundert ist, dass in der Abrechnung plötzlich ein ganzes Team auftaucht). Dann spielt natürlich sehr mit rein, dass diese Mandate naturgemäß emotionaler aufgeladen sind, als wenn man den Ministerialbeamten M im Call sitzen hat. Das mögen manche präferieren bzw. als Essenz des Anwaltsberufs und Interessenvertretung verstehen, ich finde es aber oft anstrengend, weil Privatmandanten nicht selten der nüchterne objektive Blick auf die Strategie eines Mandats abgeht.

Ja, für Firmen oder andere große Mandanten zu arbeiten ist in der Regel deutlich weniger emotional, weil keiner der Beteiligten als Person persönlich betroffen ist, sondern die Entscheidung rational getroffen wird. Und was die finanzielle Belastung angeht, kann ich die Pivatmandanten auch verstehen. Wenn man ein Nettogehalt von sagen wir 2.500 Euro hat und davon seine monatlichen Lebenshaltungskosten bestreiten muss tun schon 1.500 Euro nach RVG plus MwSt sehr weh, auch wenn das objektiv betrachtet für ein lange dauerndes Verfahren aus Anwaltssicht sehr wenig (zu wenig) ist. Das würde jedem von uns auch so gehen. Als Anwalt, der nach RVG abrechnet, weißt du das die Mandanten rechnen müssen, ob sie sich einen Anwalt leisten können, aber auf der anderen Seite musst du sehen, dass du selbst wirtschaftlich arbeitest.

Ich mochte diesen Zwiespalt und die Emotionalität überhaupt nicht und war und bin deswegen als Berater auf Unternehmensseite bzw. jetzt im Unternehmen besser aufgehoben.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 24.08.2026, 12:55 von Egal_.)
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RRalf
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Registriert seit: Sep 2025
#9
25.08.2026, 00:01
(24.08.2026, 12:54)Egal_ schrieb:  Wenn man ein Nettogehalt von sagen wir 2.500 Euro hat und davon seine monatlichen Lebenshaltungskosten bestreiten muss tun schon 1.500 Euro nach RVG plus MwSt sehr weh, auch wenn das objektiv betrachtet für ein lange dauerndes Verfahren aus Anwaltssicht sehr wenig (zu wenig) ist. Das würde jedem von uns auch so gehen. Als Anwalt, der nach RVG abrechnet, weißt du das die Mandanten rechnen müssen, ob sie sich einen Anwalt leisten können, aber auf der anderen Seite musst du sehen, dass du selbst wirtschaftlich arbeitest.

Leisten können sich die meisten Bürger das theoretisch schon, das Problem wird eher die beiderseitige Wirtschaftlichkeit sein.

Wenn der Rechtsanwalt mindestens seine 2.000 Euro umsetzen möchte, muss der erzeugte Mehrwert auch eine gewisse Größe erreichen, damit es aus Mandantensicht ohne Rechtsschutzversicherung überhaupt Sinn ergibt.

Nach RVG ist der Streitwert einer Kündigungsschutzklage beispielsweise 12.000 Euro. Der "echte Streitwert" ist bei kurzer Betriebszugehörigkeit oft geringer, weil die realistisch erwartbare Zahlung irgendwo zwischen keinerlei Abfindung und einem, bestenfalls anderthalb, Monatsgehältern liegt. Zudem ist das juristische Niveau vor dem Arbeitsgericht in solchen Fällen oft eher niedrig, am Ende läuft es auf basarartige Verhandlungen hinaus, welche nur noch entfernt rechtlichen Bezug besitzen.

Wie wirtschaftlich sinnvoll ist es aus Mandantensicht, einem Rechtsanwalt erfolgsunabhängig 2.000 Euro Vergütung zu bezahlen, wenn sein Endergebnis absehbar bei 0 bis 4.000, bestenfalls 6.000, Euro liegen wird? Kosten, Nutzen, Risiko, Aufwand stehen beidseitig in keinem guten Verhältnis.

Deutschland fehlt insgesamt eine Version des amerikanischen Small Claims Court, welches tendenziell auf Selbstvertretung ausgelegt ist, und in welchem kleinere Streitigkeiten schnell und unkompliziert beigelegt werden können.
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Egal_
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Beiträge: 1.556
Themen: 1
Registriert seit: Feb 2022
#10
25.08.2026, 09:13
(25.08.2026, 00:01)RRalf schrieb:  
(24.08.2026, 12:54)Egal_ schrieb:  Wenn man ein Nettogehalt von sagen wir 2.500 Euro hat und davon seine monatlichen Lebenshaltungskosten bestreiten muss tun schon 1.500 Euro nach RVG plus MwSt sehr weh, auch wenn das objektiv betrachtet für ein lange dauerndes Verfahren aus Anwaltssicht sehr wenig (zu wenig) ist. Das würde jedem von uns auch so gehen. Als Anwalt, der nach RVG abrechnet, weißt du das die Mandanten rechnen müssen, ob sie sich einen Anwalt leisten können, aber auf der anderen Seite musst du sehen, dass du selbst wirtschaftlich arbeitest.

Leisten können sich die meisten Bürger das theoretisch schon, das Problem wird eher die beiderseitige Wirtschaftlichkeit sein.

Wenn der Rechtsanwalt mindestens seine 2.000 Euro umsetzen möchte, muss der erzeugte Mehrwert auch eine gewisse Größe erreichen, damit es aus Mandantensicht ohne Rechtsschutzversicherung überhaupt Sinn ergibt.

Nach RVG ist der Streitwert einer Kündigungsschutzklage beispielsweise 12.000 Euro. Der "echte Streitwert" ist bei kurzer Betriebszugehörigkeit oft geringer, weil die realistisch erwartbare Zahlung irgendwo zwischen keinerlei Abfindung und einem, bestenfalls anderthalb, Monatsgehältern liegt. Zudem ist das juristische Niveau vor dem Arbeitsgericht in solchen Fällen oft eher niedrig, am Ende läuft es auf basarartige Verhandlungen hinaus, welche nur noch entfernt rechtlichen Bezug besitzen.

Wie wirtschaftlich sinnvoll ist es aus Mandantensicht, einem Rechtsanwalt erfolgsunabhängig 2.000 Euro Vergütung zu bezahlen, wenn sein Endergebnis absehbar bei 0 bis 4.000, bestenfalls 6.000, Euro liegen wird? Kosten, Nutzen, Risiko, Aufwand stehen beidseitig in keinem guten Verhältnis.

Deutschland fehlt insgesamt eine Version des amerikanischen Small Claims Court, welches tendenziell auf Selbstvertretung ausgelegt ist, und in welchem kleinere Streitigkeiten schnell und unkompliziert beigelegt werden können.

Entschuldige, da merkt man wie weit weg einige von uns von der realen Welt da draußen sind. 4.000 Euro "Gewinn", also erstrittene Geldforderung abzüglich Kosten oder auch nur 2.000 Euro sind für sehr viele Familien in Deutschland sehr viel Geld. Und auch die 1.500 Euro habe ich nicht einfach nur in den Raum geworfen, sondern entstammen einem realen Prozess, den ich für eine gute Freundin geführt habe. Ich habe mich geärgert, dass nach 2 Jahren Zeitablauf mit Widerspruch und Klage vor dem Sozialgericht nur 1.500 Euro Gebühren netto herumkamen. Ca. 300 Euro wurden mir vorher im Kostenfestsetzungsverfahren noch gestrichen, weil die Behörde nicht einsehen wollte, dass etliche zusätzliche Telefonate und Schriftsätze, die aus mehr als nur Textbausteinen bestehen, mehr Arbeit machen. Für meine Freundin ging es aber um sehr viel mehr als nur 1.500 Euro. Für sie ging es um ihr Leben, denn sie ist schwerbehindert, hat mittlerweile eine Pflegestufe, möchte aber ihren Lebensunterhalt noch so lange wie möglich selbst bestreiten und wir haben gegen die DRV eine Umschulung erstritten, die die DRV abgelehnt hat und dabei auch noch den falschen Paragrafen anwendete.
War das Mandat wirtschaftlich? Nein, natürlich absolut nicht und wirtschaftlich betrachtet war es für mich ein Minusgeschäft. Ich habe es nur gemacht, weil es sich um eine gute Freundin von mir handelt. Jeder andere Anwalt hätte sich deutlich weniger reingehangen und die Ablehnung akzeptiert weil es enorm viel Aufwand gemacht hat, der DRV aufzuzeigen, dass sie von falschen Voraussetzungen ausging, was dort keiner sehen wollte.

Und genau das ist das Problem an unserem Rechtsystem. Für uns Anwälte sind solche Verfahren nicht wirtschaftlich, sobald es über vorgefertigte Textbausteine hinausgeht. Wenn aber die Behörde das Offensichtliche nicht sehen will, hilft dir kein Textbaustein. Du müsstest denen hinterherlaufen während für den Mandanten die Zeit läuft. Im Fall meiner Freundin hat sie drei Starttermine für die Umschulung verpasst, den vierten wollten wir unbedingt zeitlich schaffen (es ist ihre Lebenszeit, die durch das lange Verfahren verplempert wurde und die sie nicht arbeiten konnte und nach einiger Zeit in Hartz 4 gerutscht war). 
Das bekommt auch keine Privatperson mal eben selbst ohne Anwalt hin. 

Also tut mir leid, aber deine Antwort zeigt eine Überheblichkeit auf, die für mich darauf hindeutet, dass du in wohlbehüteten, finanziell guten Verhältnissen aufgewachsen bist und von den Problemen "des kleinen Mannes" keine Ahnung hast. In dem Fall bist du wahrscheinlich wirklich in einer GK oder MK besser aufgehoben, die sich mit solchen Themen nicht beschäftigt.

Sorry, aber das musste raus.
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