09.11.2020, 13:30
(09.11.2020, 13:15)Gast schrieb:Ich weiß nicht wo Du Examen gemacht hast, aber zumindest meine Durchgänge in NRW lassen für mich auch eher den Schluss zu, dass das zweite Examen wesentlich näher an der Realität ist. Während man im Ersten Examen eigentlich nur damit beschäftigt ist, Meinungsstreitigkeiten zu lernen und dann einigermaßen sinnvoll anzuwenden, argumentiert man im Zweiten eher "am Fall" statt im luftleeren Raum des juristischen Diskurses.(09.11.2020, 13:08)Gast schrieb: es ist genau andersrum.
im ersten examen wird alles dafür getan um eine möglichst realitätsferne prüfung zu schaffen.
das zweite prüft im wesentlichen das ab, was man in der praxis in grundlagen können muss. nämlich probleme effizient wegzuschaffen, anstatt zu schaffen, mit den kommentaren zu arbeiten und die formalia zu beherrschen.
Nein, weil man in der Praxis in aller Regel gerade nicht die Rechtsprechung zu einer Randfrage auswendig können muss, sondern diese eben aus aktuellen Zeitschriften und Internetquellen sowie Kommentaren jederzeit entnehmen kann.
Das erste Examen prüft in dieser Hinsicht genau die Lebensreaität der meisten Praktiker ab: man löst einen unbekannten Fall mit guten Argumenten und juristischer Methodik. Dabei kann man eben nicht darauf zurückgreifen, dass man zufällig aus der Kaiser-Rechtsprechungsübersicht, der JuS oder der JA zufällig genau den Fall kennt.
Im ersten Examen gibt es viele Punkte gerade für eine gut begründete juritische Argumentation. Im zweiten Examen gibt es viel mehr Punkte dafür, dass zudem das Ergebnis dem entspricht, was das OLG X entschieden hat (was in der echten Praxis keine Kunst wäre, da man es ohnehin nachschauen könnte und würde).
Einige Deiner Kritikpunkte teile ich trotzdem. So ist es z. B. natürlich ein Treppenwitz, die praktischen Fähigkeiten theoretisch abprüfen zu wollen und auch das auswendig lernen von Formalien, die im 21. Jahrhundert ganz automatisch ein Computerprogramm erledigt, ist völlig verschwendete Lebenszeit. Aber wenn man mal ehrlich ist, hat man beim Lernen für das Erste Examen wesentlich mehr Zeit verschwendet, indem man Meinungsstreitigkeiten gelernt hat, die nach dem Examen niemals wieder jemanden interessieren. Die Praxis guckt halt nur, was die Rechtsprechung macht und ob Prof. Müller aus Hintertupfingen da vielleicht eine abweichende Meinung zu hat, interessiert niemanden. Dazu hat sich mir noch nie erschlossen, warum man sein erstes Examen, das ja (angeblich) einen wissenschaftlichen Abschluss darstellt, völlig ohne wissenschaftliche Sekundärliteratur schreiben muss.
Meine Idealvorstellung wäre eine Abschaffung des Ersten Examens. Abschluss des Studiums bildet statt dessen weine wissenschaftliche Abschlussarbeit, wie in jedem anderen Studiengang auch. Über eine solche lassen sich die Fähigkeiten, sauber juristisch wissenschaftlich zu arbeiten, wesentlich besser überprüfen, als durch Klausuren unter Zeitdruck, bei denen für wirkliches Nachdenken und Problemdurchdringung keine Zeit bleibt. Dafür behält man das Zweite Examen als "Praxisprüfung" bei, geht aber eventuell dazu über, tatsächliche reale Akten als Prüfungsaufgaben auszugeben. Diese zusammengeschusterten Aktenauszüge, die aktuell verwendet werden, lassen leider oftmals viele Fragen offen und sind wenig geeignet, wirkliche Praxisfähigkeit zu überprüfen.
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