23.02.2026, 12:36
(22.02.2026, 21:11)medoLAW schrieb: Als jemand, der sich für so ein ähnliches Angebot entschieden hat (über 80k, 45h, Big4 Law Ableger), kann ich dir vielleicht ein paar Gedanken mitgeben. Vorab, meine Erfahrung entsprach nicht meinen Erwartungen und ist daher tendenziell negativ. Ich will aber aus einem Anspruch an mich selbst, so objektiv wie möglich sein:Tut mir Leid, dass Du anscheinend eine ziemlich schlechte Erfahrung gemacht hast.
1) Es reicht nicht aus, Stunden zu vergleichen: Auch bei 80k verlangt man von dir Flexibilität. Mir werden einfach Termine für 18:30 Uhr reingesetzt. Selbst wenn ich mit meiner Arbeit 17 Uhr fertig bin, hat der Partner halt erst 18:30 Uhr für ein Meeting Zeit. Es ist nicht täglich, aber es ist auch nicht die Ausnahme. Auf 2 Wochen passiert das schon 2-3x. Das schwierige ist, die Unberechenbarkeit. Wie soll man sich unter der Woche verabreden oder zu Events gehen, wenn man nie weiß, wann man Termine reingesetzt bekommt irgendetwas ganz dringendes, was "heute noch raus muss" auf dem eigenen Tisch landet.
Generell heißt Anwalt sein, Dienstleister sein: Flexibilität wird von Mandanten erwartet.
2) Mach dir die Wertschöpfung in einer Kanzlei bewusst: h / Stundensatz
Wie viel musst du billables machen, um dein eigenes Gehalt einschließlich Lohnnebenkosten (PKV Zuschuss, beck Zugang, usw.) zu erwirtschaften?
Frag vor allem, was die Billable Vorgaben (für den Bonus) sind. Daran kannst du besser erkennen, was von dir erwartet wird. 1300-1600 geht schon mit vertretbaren Arbeitszeiten (bis 19 Uhr). Rechne mal aus, wie viele Werktage x 8h es gibt. Berücksichtige dann, deine Urlaubstage und dass natürlich Fortbildungen, interne Veranstaltungen (Team-Meetings, sonstige mandatsfremde Meetings) nicht aufschreiben kannst. Berücksichtige ggf. Krankheitstage (Hochrechnung aus Vergangenheit) und Tage, wo es ggf. augrund der wirtschaftlichen Lage mal nicht 8h billables pro Tag gibt (Nicht genug Arbeit des Partners). Berücksichtige auch, dass du dich vor deinen Team-Kollegen ggf. auch beweisen musst. In den ersten Wochen musste ich um Arbeit kämpfe. Kann natürlich anders sein, wenn die an Arbeit überlaufen. Dann solltest du aber generell kein Problem mit billables haben.
3) Unterschied zwischen Verwaltung und Kanzlei / freier Wirtschaft: Umsatzdruck. Stimmen die Zahlen am Ende deiner Probezeit nicht, sind die Leute recht schmerzlos.
4) Man wechselt nicht einfach mal so. Dafür muss es schon ziemlich scheiße sein. Jemand der das locker sieht und alle 2-3 Monate wechselt, sieht im Lebenslauf trotz troller Noten irgendwann nicht gut aus. Muss man auf jeden Fall begründen können. Man kann dann schnell das Stigma erhalten, nicht zu wissen, was man will. Keiner will jemanden einstellen, der nach 2-3 Monaten (Einarbeitung) wieder weg ist.
Außerdem: Beachte die Kündigungsfristen. Meine ist nach dem Ende der Probezeit 3 Monate zum Quartalsende. Das schränkt einen vorbehaltlich Aufhebungsvertrag auch beim Wechseln ein.
5) Stundenvergleich: Mir wurden auch 40-45h gesagt. Realistisch sind es 50-60h / Woche. Da ich Berufseinsteiger in dem Rechtsgebiet war, dauern die Sachen einfach länger als wenn sie jemand mit Erfahrung macht. Generell wurde mir im Bewerbungsgespräch genau das gesagt, was ich hören wollte. Ich wollte eigentlich auch Gerichtsprozesse, aber habe keine erhalten. Mach dir bewusst, dass die Partner Verkäufer sind. So wie sie den Mandanten gerne mal was geschönt sagen, dass sie die größte Expertise in xy hätten, und dir dann den Rechercheauftrag geben, wie das überhaupt geht, sagen sie dir auch, deine Wunschstundenzahl - wohl wissen, dass sobald du da bist, die Hemmschwelle zu wechseln recht hoch ist.
(Vielleicht habe ich hier auch einfach Pech gehabt.)
6) Was willst du? In diesem Forum vergleichen mir zu viele einfach nur das Gehalt und die (erwarteten) Arbeitsbedingungen.
Wenn du für Geld und Prestigemandate bis 21 - 2 Uhr potenziell - jeden - Tag arbeiten würdest, go for it.
Ein Gedanke, der mich auch mit zweimal zweistellig damals unter Druck gesetzt hat: Wenn ich nicht das Geld in der GK hole, dann würde ich meine Noten verschwenden. - Nein. Deine Noten sind eine Eintrittskarte. Das Geld wirst du mit deiner Lebenszeit / Einsatz verdienen. Geld wird nicht liegengelassen nur weil du dich nicht für die GK entscheidest. Es ist eine Typfrage.
Etwas, was ich gerne früher gewusst hätte: Nimm einfach als Nichtmitglied an einem Stammtischdes lokalen Anwaltvereins teil und frag die Leute, die dort sind (die haben Bock, ansonsten wärens sie nicht dort) einfach Löcher in den Bauch. Hinterfrage gerne kritisch, was die einem erzählen, aber die haben auch ihre Erfahrungen gemacht. Da können einem auch die Augen für Möglichkeiten geöffnet werden, die man sonst nicht gesehen hätte.
Nimm dir gerne mal ein Blatt Papier und schreib die Frag mal auf: Was will ich? Was macht mich glücklich? Was will ich vom Leben? Worüber wäre ich unglücklich, wenn ich es in 10 Jahren nicht hätte (ein volles Konto oder verpasste Erfahrungen/Leben). Wie unglücklich wärst du, wenn du die 80k bekommst, aber es dann doch 50-55h wären?
7) Was willst du vom Anwaltsberuf? Hast du kein Problem damit der Associate im Hinterzimmer zu sein? Willst du mit Mandanten reden? Willst du Behörden- und Gerichtsprozesse im eigenen Namen machen? - Was wirst du konkret für Tätigkeiten machen? Recherche? Datenraum-Geschrubbe? usw.
Mehr fällt mir gerade nicht, ein. Vielleicht ist was dabei, was dich weiter bringt! :)
8) Ich habe mich gegen Metropolen entschieden (weil ich die sowieso nicht mag) und auch wegen den Lebenshaltungskosten. Mach den brutto-netto Rechner und anschließend ziehst du die Lebenshaltungskosten ab. Schau mal, wie viel nach Miete (einfach mal nach konkreten Wohnungen schauen) usw. übrig bleibt.
Der Beitrag ist wirklich super und zeigt genau die richtigen Fragen auf, die man sich vor dem Berufseinstieg stellen sollte.
Die Berufswahl sollte selten nach der reinen Formel Zeit gegen Geld getroffen werden. Es spielen so viel mehr Faktoren eine Rolle. Danke, dass Du diese aufgezählt hast!
Dazu kommen meiner Meinung nach noch die Persönlichkeiten, für die und mit denen man arbeitet. Oftmals von außen schwer einzusehen, aber in der täglichen Arbeit viel wichtiger als 500€ brutto mehr im Monat oder das eine Prestige-Mandat
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